Mit Judith nach ROM

Die Reise, die mich am meisten geprägt hat, ging nach Rom. Nach meinem Vordiplom entschloss ich mich ein Urlaubssemester einzulegen. Ich hatte überlegt ein Pflichtpraktikum im Ausland zu machen und hatte vor, ein ganzes Jahr aus dem Studienalltag rauszukommen. Ich wusste aber irgendwie nicht so recht wohin mit mir. Meine Patentante schlug Rom vor und mir gefiel der Gedanke. Die Stadt kannte ich von der Abschlussfahrt auf dem Gymnasium. Eine Großstadt, mit großen Plätzen und Boulevards, aber auch kleinen Gässchen und verträumten Orten. Ich buchte mir sehr spontan ein Flugticket und stieg aus dem Flugzeug aus, mit einem italienischen Wortschatz von „Ciao“, „Pizza“, „Pasta“, „Grazie“. Verhungern würde ich also nicht, aber ein WG-Zimmer zu finden war dann doch eine Herausforderung. Ich war total selbstverständlich davon ausgegangen, dass man in einer europäischen Großstadt englisch spricht. Ich weiß nicht, wie das heute in Rom ist – ich war wirklich lange nicht mehr da – aber 2003 waren Hände und Füße brauchbarer als mein Englisch.

Das erste halbe Jahr machte ich einen Sprachkurs, erholte mich von meinem Studium und ließ die Seele ein bisschen baumeln. Im Anschluss wollte ich mein Berufspraktisches Semester in einem Architekturbüro absolvieren; dafür hatte ich ein Stipendium bekommen. Kurz vor Beginn des Praktikums sagte mir das Architekturbüro ab und was dann folgte hat mich für mein Leben geprägt. Ich hatte erstmal das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Kein Praktikumsplatz, kein Stipendium! Mein Erspartes war aufgebraucht, wie sollte ich die Miete bezahlen? Bisher war mein Leben so unaufgeregt linear verlaufen: Schule, direkt nach dem Abitur auf die Uni und schön in Regelzeit alle Seminare durchgezogen. Das Urlaubssemester war für mich ein großer Schritt aus dem Hamsterrad und auch aus der Komfortzone. Ich telefonierte mit meiner Mutter, weil ich völlig außer mir war und sie sagte: „Das Leben geht immer weiter. Man stirbt nicht von heute auf morgen, wegen einem abgesagten Praktikumsplatz. Du wirst eine Lösung finden“. Und natürlich fand ich die. Ich fand ein anderes Büro, lernte in Windeseile ein neues Computerprogramm, um dort arbeiten zu können, das Stipendium verfiel nicht und ich habe mich in dem Büro super wohl gefühlt. Immer wenn mir heute etwas passiert, das mich so sehr überrollt, dass ich mit der Angst erstmal nicht klarkomme, sage ich mir: „Du stirbst nicht von heute auf morgen, es wird eine Lösung geben“ und ich denke an diesen Moment zurück. Das gibt mir jedes Mal unglaublich viel Kraft aus der ersten Schockstarre zu kommen, die man dann oft hat.

Und viele weitere Dinge habe ich in Rom gelernt. Zum Beispiel, wie deutsch ich dann doch bin. In der ersten Woche meines Praktikums kam ich eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit. Der Bus, mit dem ich jeden morgen ins Büro führ, kam einfach nicht. Ich wurde immer zappeliger, als ich an der Haltestelle wartete und überlegte mir, wie ich das erklären könnte. Erste Woche Praktikum und eine halbe Stunde zu spät! Völlig unnötig, wie sich herausstellte, denn mein Chef war nicht von meine Verspätung irritiert, sonder viel mehr von der überschwänglichen Entschuldigung dafür. Er wusste, dass die Praktikantin mit dem Bus kommt, daher war es völlig normal in Rom, dass man mal eine halbe Stunde zu spät im Büro ist. Mein deutsches Denken war der einzige Haken dabei. Ich lernte lockerer zu werden, aber auch Dinge zu schätzen, die ich – als „typisch deutsch“ an mir feststellte. Ich bin sehr organisiert und wenn ich etwas verspreche, halte ich das ein. Bis zum Schluss habe ich nicht verstanden, warum Pläne in diesem Büro 15 Minuten vor Kundenpräsentation ausgedruckt werden mussten. In den seltensten Fällen lief beim Plotten alles glatt. Mal fehlte eine Beschriftung, weil der Layer aus war, mal war eine Tintenpatrone leer, mal faltete die Maschine den Plan nicht richtig und dann wurde geflucht und geschimpft und der Mitarbeiter rundgemacht. Wenn man das einfach am Vortag erledigt, kann man sich den ganzen Stress sparen. Aber dass das nicht für jeden selbstverständlich ist – auch das habe ich gelernt.

Alles in allem hatte ich eine tolle Zeit in Italien und war aber nach einem Jahr auch froh, wieder zurück nach Deutschland zu kommen. Mir ist dort bewusst geworden, wie tief verankert die eigene Kultur dann doch irgendwie in einem steckt – zumindest in mir und wie unterschiedlich diese schon bei zwei europäischen Ländern ist. Wie hart die Forderung an Geflüchtete sein kann, sich an die Kultur der neuen Heimat anzupassen. Denn ich war freiwillig im Ausland und hatte jederzeit die Möglichkeit zurückzukehren; dieses Privileg hat nicht jeder.

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