Viele Grüße aus YOW

Poststempel 16.10.1963

Meine Lieben, lieber Gustel!
Heute kam deine lb. Karte vom 11.10. Eigentlich müßtet Ihr schon mehr Post von mir bekommen haben. Heute sicher, denn ich habe auch am 11. gesch. Übers Wochenende waren wir zuerst in den Gattenau – Bergen [vermutlich Gatineau Park] ein sehr schöner Höhenzug dicht bei Ottawa mit Laubwäldern alles bunt. Dann im Parlamentsgebäude mit dem Aufzug bis zur Uhr auf dem Bild! Dann im Pancakehouse etwas essen u. Sonntag früh im Sommerhaus bis Mo. Abend. Ein herrlicher See u. überall wieder Birken, Ahorn, Buchen. Man möchte ständig photographieren. Gestern Abend kam Ernst hierher. Wir haben uns sehr lustig unterhalten u. Asti Spumante getrunken.
Liebe Grüße Euch allen Mutti

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Meine Mutter war anders. Anders als die Mütter meiner Freundinnen. Sie begleitete mich nicht auf dem Schulweg. Sie kochte kein Mittagessen, wenn ich aus der Schule kam und sie brachte keine Kekse in mein Zimmer, wenn jemand zum Spielen bei mir war. Für mich war das normal und mir fehlte nichts. Ich lief gerne alleine zur Schule, Oma Anni kochte bei uns und die Kekse von anderen Müttern aß ich gerne, vermisste sie zu Hause jedoch nicht. Aber irgendwann änderte sich das und ich kann nicht sagen, wann genau. Die Nachfrage zu meiner Mutter, die ja „schon wieder auf einer Reise war“, die „so selten bei Ihren Kindern war, wo sie doch hingehörte“, verunsicherten mich und gaben mir das Gefühl, dass bei uns etwas falsch lief. Heute bedauere ich das sehr und würde gerne in der Zeit zurückreisen, um mir zu sagen, dass ich mich nicht beirren lassen sollte; um zurückzureisen und um den anderen zu sagen, dass bei uns alles richtig lief. So wie es für unsere Familie richtig war. Und, dass jede Familie anders sein darf. Ich würde sie fragen wollen, ob sie vielleicht neidisch wären auf meine Mutter.
Was meine Mutter genau machte, war mir damals nicht bewusst. Sie lief einfach überall mit einem Fotoapparat rum und schoss unheimlich viele Bilder, die sie in unserem Keller selbst entwickelte. Keine Porträts oder Landschaftsaufnahmen, keine Fotos von Gebäuden oder der Natur, sondern Bilder die eine eigene Magie hatten. Mein Vater bewunderte sie. Er sagte dann sowas wie „Das ist großartig, Alva!“ Und seine Augen leuchteten. Ja, meine Mutter brachte ihn zum Leuchten. Meinen Vater, der sonst sehr angestaubt wirkte. Er war viel älter als sie und immer umringt von noch älteren Büchern, die er für seine Seminare brauchte. Wir waren eine tolle Familie, in der jeder sein konnte, wie er war, aber auch das begriff ich erst viel später.

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Auf alten Postkarten findet man die schönsten Geschichten. Wie auf dieser hier aus Ottawa aus dem Jahr 1963.

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